Großreiche: Kolosse auf tönernen Füßen?


Großreiche: Kolosse auf tönernen Füßen?
Großreiche: Kolosse auf tönernen Füßen?
 
Das Thema
 
Unter den zahlreichen Formen politischer Gemeinschaft, die im Laufe der Geschichte entstanden und vergangen sind, ist keine so umstritten wie das Großreich, der zentral regierte Vielvölkerstaat. Auf der einen Seite erscheint er als Garant von Frieden und Fortschritt, getragen von den Völkern unter seinem Schutz, begünstigt von der Huld des Himmels. Auf der anderen Seite wird er politisch als System der Unterdrückung und ökonomisch als Instrument der Ausbeutung entlarvt, moralisch als Produkt der Hybris, theologisch als Geißel Gottes verstanden.
 
Das deutsche Wort »Reich« entspricht dem lateinischen »Imperium« und erfordert einen »Imperator« im weiteren Sinne, einen Kaiser, König oder Generalsekretär. Kleinere nationale »Reiche« wie das dänische oder das niederländische bleiben im Folgenden ebenso ausgeblendet wie die polyethnischen Bundesrepubliken in der Art der Schweiz oder der Vereinigten Staaten und die religiösen und ökonomischen Großmächte der Kirchen und Konzerne. Während sich diese bisher als haltbar erwiesen haben, sind mit Ausnahme Chinas alle Großreiche zerfallen. Ihr Schicksal wurde immer als Lehrstück aufgefasst, aber zumeist kontrovers interpretiert: Die Fürsprecher suchen nach den Faktoren, die Entstehung, Erhaltung und Auflösung bewirkt haben, um dauerhaftere großräumige Lebensordnungen zu schaffen. Die Gegner verweisen auf die Opfer und die Kosten, die nicht als vermeidbare Fehler, sondern als Wesensmerkmale erscheinen, und leiten daraus die Folgerung ab, dass volksübergreifende Staatenbildungen, die nicht durch freiwilligen Zusammenschluss zustande gekommen sind, grundsätzlich brüchig, unnatürlich und zu verwerfen seien. Waren die Weltreiche der Vergangenheit Friedensgaranten oder Zwangsanstalten, ihre Geschichten Schritte auf dem Wege zu einer kosmopolitischen Gesellschaft oder Stürze infolge maßloser Überhebung von selbst ernannten Beglückern der Menschheit, angeblichen Günstlingen der Götter?
 
In allen alternativ gefassten Grundsatzfragen, die über die Zeiten hindurch kontrovers geblieben sind, dürfen wir davon ausgehen, dass beide Haltungen in gewisser Weise berechtigt und begründet sind. Es kommt mithin darauf an, herauszufinden, in welcher Hinsicht die jeweiligen Positionen zutreffen und somit den strittigen Rest, wenn er nicht gänzlich zu beheben ist, so weit wie möglich zu mindern. Vielleicht lässt sich die Kluft dann doch überbrücken. Daher empfiehlt sich vorab ein Blick auf die Geschichte der Imperien.
 
 Frühe Großreiche
 
Während die meisten unserer politischen Leitgedanken aus der okzidentalen Tradition stammen — Freiheit und Volksherrschaft, Individualität und Rationalität —, beginnt die Geschichte der Weltreichsidee im Orient. Im alttestamentarischen Buch Daniel (2,31ff.) träumt Nebukadnezar II. von einem »großen, hohen und sehr glänzenden (Stand-)Bild« auf tönernen Füßen, dessen Teile die einander ablösenden Weltreiche darstellen, symbolisiert durch Metalle von abnehmendem Wert: Gold, Silber, Bronze, Eisen und Eisen mit Ton vermischt. Der Text stammt aus der Zeit des Aufstands der Makkabäer gegen die Seleukiden im hellenistischen Palästina, der durch das Religionsedikt des Königs Antiochos IV. Epiphanes 168 v. Chr. ausgelöst wurde, doch hatte der Weltreichsgedanke damals schon eine lange Geschichte. Sargon von Akkad eroberte um 2200 v. Chr. »das Reich der vier Weltteile«. Es umfasste tatsächlich den Großteil der damals zivilisierten Welt außer Ägypten. Die Herren der 3. Dynastie von Ur übernahmen den Anspruch auf die »vier Weltgegenden«. Von ihnen entlehnten die Assyrerkönige den Titel »König des Weltalls«. Der Assyrerkönig Tiglatpileser I. errichtete um 1100 v. Chr. die bedeutendste Landmacht der Zeit; unter Sargon II. erlebte das Assyrerreich um 700 v. Chr. einen Höhepunkt. Seine Nachfolger unterwarfen Israel und Juda, das unter David (um 1000—965 v. Chr.) ebenfalls ein Vielvölkerimperium war, sowie Phönikien und Ägypten, doch wurde Ninive 612 v. Chr. von den Medern und Chaldäern erobert — das akkadisch-assyrische Reich verschwand und mit ihm das assyrische Volk. Voraussetzung für die Entstehung des Assyrerreiches war, wie bei fast allen frühen Weltreichen, das Auftreten eines charismatischen Staatsgründers mit einer überlegenen militärischen Macht. Die Dauer des Weltreiches beruhte auf der Güte der Verwaltung, die im alten Mesopotamien mit der Schriftlichkeit und der Gesetzgebung schon ein hohes Niveau gewonnen hatte.
 
Die Großreiche lassen sich nach Zeiten und Formen unterscheiden. Die vorindustriellen Imperien waren Landmächte. Das gilt für die altorientalischen Reiche der Meder und Perser, für die Reiche der Byzantiner und Franken, und auch die Römer haben ihre Macht nicht auf eine überlegene Flotte gestützt. Selbst Hannibal hat den beschwerlichen Weg über die Alpen einem Truppentransport auf den Schiffen Karthagos vorgezogen. Die seefahrenden Völker der Frühzeit, so die Phöniker, Karthager und Griechen, Wikinger und Normannen, haben keine dauerhaften Großreiche geschaffen, sondern sich mit Siedlung, Handel und Seeraub begnügt. Ausgesprochene Seemächte waren erst Venedig und die neuzeitlichen Kolonialreiche, zumal die der Engländer und der Spanier. Die letzte maritime Großmachtstellung bildete bis 1945 das pazifische Reich der Japaner. An den älteren Typus schließen sich in gewisser Weise die dynastischen Landreiche der Neuzeit an, das osmanische Sultanat, die Donaumonarchie der Habsburger und das russische Reich der Romanows, das von den Sowjets fortgeführt wurde.
 
Nachfolger der Assyrer wurden die Meder und Babylonier, doch erlagen beide Mächte um 550 v. Chr. den Persern, die im Gegensatz zu den semitischen Akkadern und Assyrern ein indogermanisches Volk waren. Am Anfang des Perserreiches steht die legendäre Gestalt Kyros II., den die Juden als Messias (Jesaja 45,1) und die Griechen (Xenophon, Kyropädie; Platon, Gesetze 694 AB) als Idealgestalt eines Herrschers betrachtet haben. Sie nannten ihn »den Großen« (Athenaios 30 A). Ihm folgte der nahezu kongeniale Dareios I., dessen Versuch, Griechenland zu erobern, zwar 490 v. Chr. bei Marathon vereitelt wurde, der durch seine Satrapienordnung aber zur Stabilität des Weltreiches entscheidend beigesteuert hat. Auch seine Leistung fand Lob aus dem Munde seiner Gegner. Immer wieder betonten die Griechen die Rechtssicherheit unter der Achämenidendynastie. Die religiöse Toleranz, die offizielle Mehrsprachigkeit, die vorzügliche Verwaltung und die aktive Wirtschaftsförderung kennen wir aus den biblischen und den inschriftlichen Quellen. Aufstände in Mesopotamien, Ägypten und Ionien konnten das Reich kaum erschüttern.
 
Erst Alexander der Große brachte Persien zu Fall, eine Gestalt von beispiellosem Charisma, an der Spitze einer Truppe, die nach Disziplin und Bewaffnung allen Gegnern der Zeit überlegen war. Alexander glaubte an seine Mission als Friedensheiland, verkündete die Gleichheit von Griechen und Barbaren und suchte ein Reich der Eintracht und des Gemeinsinns zu gründen. Dies misslang. Seine Nachfolger, die Diadochen, haben den ostmediterran-nahöstlichen Verkehrsraum geschaffen, dessen Gemeinsprache, die griechische koine, das persische Reichsaramäisch ablöste. Die neue Volkssprache war die Voraussetzung für die christliche Weltreligion, da die Worte Jesu nicht in der aramäischen Originalsprache, sondern in Griechisch aufgezeichnet wurden und so im gesamten Mittelmeerraum Verbreitung finden konnten.
 
Die Schwäche der hellenistischen Großreiche lag innenpolitisch in dem ungelösten Gegensatz zwischen den herrschenden Griechen und den beherrschten Einheimischen, außenpolitisch in ihren Rivalitäten. Jeder König wollte ein neuer Alexander sein. Dies erlaubte den Römern, zunächst als Schiedsrichter einzugreifen und später einen Staat nach dem andern in eine Provinz zu verwandeln. Die Führungsschichten der Länder im Osten, zumal in den dortigen Kleinstaaten, haben darin vielfach einen Vorteil erblickt, das zeigen die überraschend romfreundlichen Stimmen von Griechen und Juden, denken wir an Polybios, Judas Makkabäus und Josephus Flavius. Wie Cicero (De re publica 2,2) stolz betonte, verdankte das Imperium Romanum sein Entstehen nicht einem einzelnen Staatsgründer, sondern einer in langer Erfahrung ausgebildeten, ebenso konsequenten wie anpassungsfähigen Politik, die alle militärischen Gegner durch Bündnis oder Krieg zu überwinden verstand. Erst in der Krise der Römischen Republik sind zwei charismatische Staatsmänner aufgetreten, Caesar und Augustus. Sie haben die res publica weitgehend nach hellenistischen Prinzipien umgestaltet.
 
Das Römerreich übertraf nach Größe und Dauer alle älteren und viele jüngere Großreiche. Der Erfolg der Römer beruhte im Wesentlichen wiederum auf dem Recht und auf der Verwaltung. Das römische Recht verkörperte einen zeitlosen Sinn für Billigkeit, seine Rezeption bildete die Grundlage der europäischen Rechtskultur der Neuzeit. Die römische Verwaltung respektierte die innere Freiheit der Städte, die Statthalter waren anklagbar und wurden zur Rechenschaft gezogen. Die Mehrzahl der Sklaven wurde nach dem 30. Lebensjahr freigelassen. Nichtrömische Provinzialen besetzten in zunehmenden Maße die Verwaltungsposten, Senatorensitze und Offiziersstellen — seit etwa 100 n. Chr. stammten auch fast alle Kaiser nicht mehr aus Italien. Die pax Romana ermöglichte eine wirtschaftliche Blüte wie nie zuvor. Die in der Spätantike auftretenden Schwierigkeiten hängen mit der militärisch prekären äußeren Lage zusammen. Die Römer wurden mit den Germanen nicht fertig: Als Siedler waren sie zu zahlreich, als Feinde zu gefährlich. In zunehmendem Maße wurden sie als Söldner eingestellt, und als solcher hat Odoaker 476 n. Chr. den letzten Kaiser des Westens, Romulus Augustulus, abgesetzt.
 
Wenn wir die Abfolge der Weltreiche bis zum Imperium Romanum als zivilisatorischen Fortschritt begreifen können, so lässt sich dies für die Nachfolgereiche nicht ohne weiteres behaupten. Vielmehr scheint es, dass durch die Zivilisierung unterentwickelter Völker bittere Erfahrungen wiederholt werden mussten, ehe sie Allgemeingut wurden. Die politische Entwicklung vollzieht sich abwechselnd intensiv in kleinräumigen Gemeinwesen, denken wir an die antiken poleis oder die Kommunen im mittelalterlichen Oberitalien, und extensiv in großflächigeren Staatswesen auf nationaler oder übernationaler Basis.
 
Im Osten des ehemaligen Imperium Romanum dauerte das Byzantinische Reich fort. Es begriff sich selbst als Nachfolgestaat Roms. Da die Christianisierung noch in die vorbyzantinische, römische Zeit gehört, bedeuteten der Verlust des Westens an die Germanen im 5. nachchristlichen Jahrhundert, der Übergang zum Griechischen als Staatssprache und die Konzentration auf Konstantinopel und Kleinasien durchaus etwas Neues. Byzanz hat noch beachtliche Kulturleistungen vollbracht, doch zehrte es weitgehend vom römischen Erbe, das zugleich vom Papst und von den Franken beansprucht wurde. Die Gründe für den Niedergang des Byzantinischen Reiches sind nicht zuletzt im Aufstieg seiner Nachbarn zu suchen: Araber und Türken im Osten, Bulgaren und Franken im Westen haben Byzanz in die Zange genommen. Der byzantinische Beitrag zur Geschichte der Staatlichkeit liegt im Bereich von Zeremoniell und Titulatur. Welthistorisch bedeutsam war indessen die Christianisierung der Slawen.
 
Die Franken haben sich bereits unter Chlodwig (482—511) als die gottbegnadeten Überwinder der Römer betrachtet. Der Begründer des Merowingerreiches war wieder einer der großen Eroberer, die so häufig am Anfang volksübergreifender Staatenbildung stehen. Chlodwig und seine Söhne stützten sich auf die stärkste Kriegsmacht im damaligen Europa und schufen ein Reich, das außer den Nordwestprovinzen des kontinentalen Römerreiches auch Mitteleuropa umfasste. Während die römische Zivilisation mit ihren Städten und Villen, Straßen und Brücken weitgehend verschwand, bildete sich das Feudalsystem heraus, dessen Kultur im Wesentlichen von der Kirche und den Klöstern getragen wurde. Die innergermanische Mission erweiterte zugleich den Einflussbereich des fränkischen Königs und des römischen Papstes. Die damit verbundene aufkommende Geldwirtschaft und die Verbreitung des Lateins in Schrift und Sprache waren Elemente des Fortschritts. Der Niedergang des Frankenreiches zeigte sich in der Degeneration der letzten Merowinger, im Aufstieg neuer Geschlechter und in der Spaltung des Reiches in das romanisch geprägte Neustrien und das germanisch bestimmte Austrasien. Letzteres führte das durch Karl den Großen im Jahre 800 erneuerte Kaisertum weiter.
 
Durch die im 9. Jahrhundert vollzogene Teilung verlor das Frankenreich seinen Charakter als Vielvölkerstaat. Zwar gab es beträchtliche ethnische Minderheiten in den Randgebieten, aber die Entstehung der altfranzösischen und der mittelhochdeutschen Sprache deuten auf eine doppelte Ethnogenese, die trotz erkennbarer Phasenverschiebungen in die Nationalstaaten der Franzosen und Deutschen mündet: Das »Heilige Römische Reich deutscher Nation« — so die Bezeichnung seit dem 15. Jahrhundert — schloss Reichsitalien und Burgund aus, deren Verlust den nationalen Charakter des Deutschen Reiches bekräftigte. Es gehört daher nicht zum Typus der zentralistischen Vielvölkerstaaten.
 
 Landreiche — Seereiche
 
Aufstieg und Niedergang von Großreichen gab es auch außerhalb des bisher betrachteten Verkehrsraumes. Etwas später als im Westen das Frankenreich bildete sich im Orient das Kalifenreich. Ähnlich wie die Germanen im Norden des Imperium Romanum entwickelten die Araber im Osten eine Militärmacht, die nicht mehr durch Anwerbung, Umsiedlung und Bildung von Klientelrandstaaten abzuwehren war. Der religiös-politische Charismatiker Mohammed (✝ 632 n. Chr.) predigte den Islam und verlieh den arabischen Stämmen eine Dynamik, die im Westen bis Spanien, im Osten bis über Indien hinaus zu neuen Dynastien führte. Ein panarabisches Großreich von einiger Dauer ist freilich wegen der geographischen Verhältnisse nicht entstanden.
 
Erst den türkischen Osmanen gelang wieder eine Reichsbildung. Schon vor der Eroberung von Konstantinopel 1453 durch Mohammed II. waren sie die stärkste Militärmacht. Süleiman, von den Europäern »der Prächtige«, von den Türken »der Gesetzgeber« genannt, organisierte während seines Sultanats (1520—1566) die Verwaltung, die wesentlich von nichttürkischen Renegaten griechischer, albanischer und kroatischer Herkunft getragen wurde. Diese sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, die weitgehende Selbstverwaltung der christlichen Volksgruppen und die korrekte Handhabung des Steuerwesens und der Rechtsprechung gewährten dem Osmanischen Reich eine Stabilität, die auch in Europa — so bei Montesquieu (De l'esprit des lois 6,2) — hohe Anerkennung fand. Der 1683 mit dem Scheitern Kara Mustafa Paschas vor Wien einsetzende Niedergang zeigt sich einerseits im Prätorianerregime der Janitscharen und andererseits in militärischen Rückschlägen, namentlich gegen Österreich, Polen und vor allem Russland. Die sprachliche, religiöse und kulturelle Hürde gegenüber dem technisch und ökonomisch aufsteigenden Europa verzögerte den Fortschritt im Osmanenreich; die Modernisierungsversuche griffen nicht, zumal den Türken eine nennenswerte städtische Intelligenz fehlte. Fachleute auf allen Gebieten mussten aus Europa bezogen werden. Der allenthalben aufkeimende, von den christlichen Mächten nicht nur in Griechenland geschürte Nationalismus erschütterte den Zusammenhalt, bis die Jungtürken selbst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg den Vielvölkerstaat der Sultane zugunsten einer nationalen Republik aufgaben.
 
Die bei den Türken im 16. Jahrhundert bisweilen fassbare ideologische Anknüpfung an die byzantinische Tradition begegnet uns zugleich auch in Moskau in der Idee eines dritten Rom. Die Zaren begriffen sich als die Erben der Kaiser von Konstantinopel in ihrer Rolle als Beschützer des rechtgläubigen, orthodoxen Christentums. Damit rechtfertigten sie ihre über die Ziele einer panslawistischen Politik hinausgehenden Interventionen auf dem Balkan, während die Expansion nach Asien zum Pazifik, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erreicht wurde, auf der militärischen und ökonomischen Überlegenheit der Russen gegenüber den sibirischen Völkern beruhte. Trotz der Rückständigkeit der Russen im Vergleich zu den Nachbarn im Westen bedeutete die russische Herrschaft für die über hundert untertänigen Völker einen zivilisatorischen Fortschritt. Das Reich wurde zusammengehalten durch die russische Verkehrssprache, durch eine zentrale, großenteils mit Nichtrussen besetzte Verwaltung und die dynastische Loyalität zum Zaren, der seit Anfang des 18. Jahrhunderts in dem Europa näher gelegenen Sankt Petersburg residierte. Einer zügigen Modernisierung abträglich waren die sozialen Differenzen zwischen dem Adel und der Bauernschaft und die geringe Entwicklung einer bürgerlichen Mittelschicht in den Städten. Letztere gewann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert an Gewicht, doch traten die Zaren den Ideen der Französischen Revolution entschiedener als die Fürsten Mitteleuropas entgegen. Russland wurde zur konservativsten Macht Europas.
 
Die Unfähigkeit Russlands zur durchgreifenden politischen Reform und die Niederlage im Ersten Weltkrieg brachten die Kommunisten an die Macht. Ihr erklärtes Ziel waren soziale Gerechtigkeit und technischer Fortschritt. Dies begeisterte zumal die intelligente Jugend für den Charismatiker Lenin. Die alten Mächte Zarentum, Adel und Kirche verloren ihre Stellung zugunsten der kommunistischen Partei, die über das Rätesystem und den »demokratischen Zentralismus« ein totalitäres Polizeiregime aufbaute. Lenins Wort vom »Völkergefängnis« des Zarenreichs übertrug sich auf die Sowjetunion. Die zunächst unterstützten Selbstständigkeitsbestrebungen der nichtrussischen Nationen wurden militärisch unterdrückt, Trotzkij fürchtete »reaktionäre« Tendenzen, obschon Baltikum und Ukraine höher entwickelt waren als der russische Kernraum. Modernisierung und Disziplinierung hielten die Sowjetunion zusammen, die trotz ihres internationalistischen Programms — der Staatsname enthielt keine ethnische oder geographische Bezeichnung — eine intensive Russifizierung betrieb. Die in die Millionen gehenden Opfer Stalins wurden überdeckt durch seinen mit amerikanischer Hilfe errungenen Sieg über die deutsche Ostarmee 1945, der abermals riesige territoriale Gewinne zur Folge hatte.
 
Moskau legitimierte das Protektorat über nichtrussische Völker im Kalten Krieg durch Hinweis auf die angeblich subversiv-aggressive Politik des Kapitalismus, doch spürten die botmäßigen Völker davon weniger als von den Segnungen des Westens. Westliche Technik wurde übernommen, westliche Denk- und Lebensform jedoch unterbunden. Das Modernisierungsversprechen geriet in Widerspruch zum Machtmonopol der Partei. Die Verkrustung der marxistischen Ideologie und die Verfilzung der Nomenklatura, die vielfältigen Freiheitsbeschränkungen und die hoffnungslose wirtschaftliche Rückständigkeit gegenüber dem Westen brachten das System um seine Glaubwürdigkeit. Die Dissidenten mehrten sich, Intellektuelle und Nationalisten sagten sich vom Kommunismus der alten Männer los und liquidierten das letzte Kolonialreich, dessen martialische Fassade alle Welt über seine Strukturschwäche zu täuschen vermocht hatte.
 
In Hinsicht auf die beteiligten Nationen wiederholte sich dabei gewissermaßen die Auflösung einer älteren kontinentalen Macht, der Donaumonarchie. Während das Wilhelminische Kaiserreich im Prinzip ein Nationalstaat war, gehörte das Reich der Habsburger wie das der Romanows zu den Vielvölkerstaaten. Wie in Sankt Petersburg, so bestand in Wien die höhere Verwaltung aus Angehörigen verschiedener europäischer Nationen. Das geringere zivilisatorische Gefälle jedoch, zumal gegenüber Böhmen und Ungarn, verbietet, hier von einem Kolonialreich zu sprechen. Dennoch wurde die dynastische Loyalität der Armee und des Bürgertums wie im Zarenreich durch Modernisierung und Industrialisierung unterfüttert. Nach der Abwehr der Türkengefahr erwachte in den Donaustaaten, wie im übrigen Europa, der Nationalismus, der die Staatseinheit bedrohte. Die Ungarn erhielten 1867 einen Sonderstatus, den ebenfalls die Böhmen und Serben anstrebten. Der Erste Weltkrieg besiegelte die Auflösung in fünf wiederum ethnisch gemischte, um ihre Grenzen hadernde Staaten. Erst die Balkanisierung mit ihrem bis heute anhaltenden Blutvergießen macht die Qualitäten der Donaumonarchie sichtbar.
 
Einen andersartigen Strukturtypus bilden die kolonialen Seemächte Westeuropas, unter denen Spanien und England herausragten. Sie entstanden im Zusammenhang mit den technischen Neuerungen der frühen Neuzeit, mit der Einführung des Schießpulvers nach Europa und der Verbesserung der Segelschiffe. Die spanischen Besitzungen beruhten vorwiegend auf der Okkupation von Mittel- und Südamerika seit Kolumbus. Die eingewanderten Europäer, zumeist Spanier, wirtschafteten mit einer unterdrückten, unpolitischen Unterschicht aus Indianern, Schwarzen und Mischlingen. Sie unterstanden der Krone von Kastilien, die für militärische und rechtliche Sicherheit sorgte, den Handel durch Monopole organisierte und die katholische Mission vorantrieb. Der Kirche unterstand lange das Bildungswesen, auf ihren Schulen wurde die koloniale Führungsschicht ausgebildet.
 
Die Lösung vom Mutterland und die Ausbildung von Einzelstaaten wurde gefördert einerseits durch den Niedergang Spaniens innerhalb des europäischen Staatensystems seit dem 17. Jahrhundert, der seinen Tiefpunkt in der Absetzung von Ferdinand VII. durch Napoleon I. 1808 erlebte, und andererseits durch ein wachsendes Bewusstsein von Eigenständigkeit, das von den grundbesitzenden Kreolen, das heißt den in Amerika geborenen Weißen, und dem niederen Klerus getragen wurde. Letzterer spielte auch in der Nationalisierung der Donaumonarchie und der Auflösung des Sowjetreiches eine Rolle. Die Ideen der Aufklärung und das Vorbild erst der Amerikanischen, dann der Französischen Revolution beflügelten die Unabhängigkeitsbewegung. Die Herrschaft Spaniens brachte der kolonialen Elite keine Vorteile mehr. Nachdem die Rivalität mit England um die Seeherrschaft über den Atlantik Spanien dazu verleitet hatte, von Mexiko aus den Befreiungskampf der Yankees zu unterstützen, begünstigten England und Nordamerika umgekehrt die Lösung Mittel- und Südamerikas von Spanien. Die Entstehung von lateinamerikanischen Nationen ist sodann eher eine Folge als eine Voraussetzung der Eigenstaatlichkeit. Den südamerikanischen Staaten liegen — wie in Schwarzafrika — die kolonialen Verwaltungsgrenzen zugrunde.
 
Das größte Weltreich, das jemals existierte, war das Britische Empire. Es umfasste bereits vor der Übernahme der deutschen Kolonien im und nach dem Ersten Weltkrieg etwa ein Viertel der bewohnten Erde, mit Angehörigen aller Kulturen, Religionen und Rassen. Die Anfänge liegen im 16. Jahrhundert, ein erster großer Erfolg war die Vernichtung der spanischen Armada 1588 unter Elisabeth I. Hauptgegner war indessen Frankreich, dem England eine Kolonie nach der anderen abnahm. Denn Frankreichs politische Interessen lagen vorrangig in Europa, dessen Balance seit dem Wiener Kongress 1814/15 den Briten freie Hand in Übersee gab. Ihre koloniale Führungselite hatte Platon und Cicero studiert und dachte in humanistischen Kategorien. Dies gilt nicht nur für die Wiederbelebung der Begriffe British (statt English, das Schotten und Waliser ausschloss) und Empire (statt Kingdom, das die Überseebesitzungen nicht einschloss), sondern auch für die Idee einer pax Britannica (statt pax Romana) und ihre vergilsche Devise für Rom, parcere subiectis et debellare superbos (die Unterworfenen schonen, die Übermütigen niederkämpfen!), die sich der letzte britische Imperialist zu eigen machte: Winston Churchill.
 
Der mit der Kolonialherrschaft verbundene zivilisatorische Auftrag, the white man's burden: to seek another's profit, and work another's gain (Des weißen Mannes Bürde: auf eines anderen Vorteil zu sinnen und zum Nutzen eines anderen zu wirken; Kipling 1899), war Weißen gegenüber gegenstandslos — daher emanzipierte sich Nordamerika rasch, während die britische Herrschaft über Irland ein Skandal blieb. Schon Napoleon nahm den unterworfenen Europäern mehr, als er ihnen bot, und musste darum scheitern. Ebenso war die Überlegenheit der Briten über die Farbigen eine Zeitfrage. Die vom europäischen Nationalstaatsgedanken erfassten, gar auf britischen Universitäten ausgebildeten Eliten aus den Kolonien wandten sich mit europäischen Argumenten gegen die britische Suprematie. Definitiv diskreditiert war sie, als die von England in Europa gegen Deutschland eingesetzten indischen und jüdischen Soldaten aus den Weltkriegen heimkehrten.
 
Selbst unter den Briten mehrten sich — verstärkt nach dem anrüchigen Burenkrieg (1899—1902) — die Zweifel am Recht ihrer Herrschaft über andere Völker. Das Commonwealth wurde zum Kompromiss zwischen dem britischen Hoheitsanspruch und dem nationalen Freiheitsdrang. Dass die britische Kolonialherrschaft vielfach segensreicher war als die folgende Selbstverwaltung, war kein Argument für Köpfe wie Gandhi. Die Freiheit ist nicht alles, aber ohne Freiheit ist alles nichts. Bereits Bernard Shaw hat es treffend gekennzeichnet: »Alle Beweisführungen für die Vorteile einer ausländischen Regierung sind ebenso nutzlos wie Beweisführungen für den Vorzug von künstlichen Zähnen, Glasaugen, silbernen Luftröhren und patentierten Holzbeinen vor den Naturprodukten« (Vorwort für Politiker. Über Demokratie. Zwei Vorreden, 1965, S. 55).
 
Einen weltpolitischen Anachronismus stellten nach dem Empire Napoleons dann die faschistoiden Reichsbildungen von Mussolini, Hitler und Tōjō in Japan dar. Sie entstanden in einer Torschlusspanik der »Habenichtse« angesichts der befürchteten Aufteilung der Erde unter den angloamerikanischen Kapitalismus und den sowjetrussischen Kommunismus. Die dagegen in Rom, Berlin und Tokio erhobenen Führungsansprüche äußerten sich im Größenwahn charismatischer Demagogen. In der Stimmung »jetzt oder nie« entfachten sie militaristische Massenpsychosen und entfesselten beispiellose Destruktionspotenziale. Hätten Japan und Deutschland ihren Ehrgeiz stattdessen in eine wirtschaftliche Hegemonie gesetzt, so wäre gemeinsam mit Nordamerika die Drei-Sphären-Konstellation, die sich neuerdings anbahnt, bereits eine Generation zuvor erreichbar gewesen.
 
Mussolini war besessen von dem Wahn, das Römische Reich der Antike wiederherzustellen. Die fasces der Liktoren wurden Staatsemblem, das Mausoleum des Augustus sollte dem Duce nach der Wiederherstellung des Impero um das Mare Nostro die letzte Ruhe gewähren. Die Annexion von Abessinien 1936 schien zu gelingen, der Einmarsch in Albanien 1939 führte jedoch 1940 zum erfolglosen Angriff auf Griechenland; die nordafrikanischen Besitzungen gingen mit der Niederlage Rommels bei El-Alamein 1942 verloren.
 
Hitlers Kriegsziele hießen Lebensraum im Osten und Hegemonie über Europa. Mussolinis imperiale Idee eines Vielvölkerstaates lehnte er ab zugunsten eines kontinentalen Kolonialreiches, das aber nicht dem common wealth, sondern dem sacro egoismo der »Herrenrasse« dienen sollte. Zur Beherrschung dieses Großgermanischen Reiches mit seinen Millionen slawischer Heloten hätte er eine Kriegerkaste heranzüchten müssen, die nicht nur das Bild, sondern auch das Schicksal der antiken Spartiaten geteilt hätte.
 
Entsprechend aussichtslos war das japanische Großreich in Ostasien, das, unter der Devise »Asien den Asiaten« gegen die Expansion der Russen, Briten und Amerikaner gerichtet, eine diesen gleichrangige Stellung in der Weltpolitik ansteuerte. Japan begab sich damit in einen Zweifrontenkrieg einerseits gegen die modernen Großmächte, andererseits gegen die Völker Asiens. Die nach europäischem Muster aufgebaute militärische und wirtschaftliche Übermacht Japans wurde in schematischer Nachahmung europäischer Kolonialkriege in Eroberungen umgesetzt, die dem Eigenleben der Nationen keinen Raum ließen.
 
Nach dem Ende des deutschen, des japanischen und des sowjetischen Großreiches ist eine Wiederholung derartiger militaristischer Staatsbildungen nicht zu erwarten. Die Lektion war hart genug. Die inzwischen weltweit anerkannten Grundsätze der Volksherrschaft, der Gleichberechtigung und der Selbstbestimmung beenden mit der Abfolge der Großreiche zugleich eine Experimentierphase der Verfassungsgeschichte. Dass damit das »Ende der Geschichte« überhaupt erreicht sei, wäre freilich voreilig gefolgert. An die Stelle politischer Auseinandersetzungen treten ökonomische.
 
 Politische Irrwege?
 
Die Selbstauflösung der Sowjetunion am 31. Dezember 1991 beendete das imperiale Zeitalter. Seit dreitausend Jahren wurde die Weltpolitik durch Universalreiche bestimmt. Das ist nun vorbei. Sie alle erlitten — mit Ausnahme Chinas — das gleiche Schicksal: Sie sind auseinander gefallen. Sofern sie wiedererstanden sind — wie das Persische Reich 224 n. Chr. unter den Sassaniden und 1501 unter den Safawiden, das Römische unter den Karolingern, das Russische unter den Bolschewiken — sind sie abermals zerbrochen. Dies legt den Schluss nahe, dass alle aus demselben Grunde gescheitert sind: an ihrem Wahn, weiter und weiter wachsen zu wollen, bis die Füße den Körper des Kolosses aus Nebukadnezars Traum nicht mehr tragen konnten. »Durch ihr eigenes Gewicht sinken die großen Dinge, das Glück weicht unter seiner eigenen Last« heißt es im »Agamemnon« Senecas (88 f.). Platon (Gesetze 688 D) führte das Ende aller Staaten auf die Unwissenheit der Regenten zurück, und Aristoteles (Rhetorik 1,4,2) erklärte, alle Verfassungen scheiterten an den ihnen wesenseigenen Schwächen. Demnach hätte es sich bei den Großreichen um hybride Systeme gehandelt, um Irrwege der politischen Geschichte.
 
Hier ist historische wie begriffliche Kritik vonnöten. Expansion ist für bestehende Imperien keinesfalls notwendig. In der Regel folgt der Ausdehnung eine Phase flimmernder Grenzen: Die Perser erlebten bei Marathon, die Römer im Teutoburger Wald ihr Bis-hierher-und-nicht-weiter. Jedes Imperium stößt an seine Grenzen, ohne dass dies zwangsläufig zum Abstieg führen müsste. Im Bild von Aufstieg, Höhepunkt und Irrweg ist Metaphernmagie am Werk, Exorzismus geboten. Der Aufstieg kann auf eine Hochebene führen. Die Vorstellung vom Übergewicht ist ein Hysteron-Proteron, denn es ist erst nach dem Sturz feststellbar und lässt die Frage offen, wieso die erreichte Größe überhaupt eine Zeit lang tragbar war. Das Sprachbild vom Irrweg schließlich geht von der Annahme aus, dass es den »richtigen Weg« der Staatsbildung gebe und dass dieser zu allen Zeiten erkennbar und gangbar gewesen wäre. Auch dieses täuscht. Wir können nicht wünschen, dass uns eine Erfahrung, die wir gemacht haben, erspart geblieben wäre, ohne die Lehre in Frage zu stellen, die wir aus ihr gezogen haben. Je bitterer die Erfahrung, desto heilsamer die Lehre.
 
Vergleichen wir die Voraussetzungen, Formen und Gründe des Entstehens und Vergehens der Vielvölkerstaaten, so zeigen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Die Entstehungsbedingungen waren meistens ähnlich. Idealtypisch ereignet sich Folgendes: Eine Nation zeichnet sich aus durch militärische und politische Überlegenheit; vielfach, aber nicht notwendig, zudem durch einen zivilisatorischen Vorsprung. Ein charismatischer Eroberer oder eine Folge von solchen tritt auf, bezwingt die angrenzenden Völker und nimmt sie durch Unterwerfung oder Vertrag unter seine Herrschaft. Hier genießen sie Schutz vor Dritten, sind aber abhängig und gewöhnlich tribut- und kriegsfolgepflichtig. Der Friede ermöglicht einen wirtschaftlichen Aufschwung, der Beherrschten und Herrschenden in unterschiedlichem Grade zugute kommt. Die herrschende Nation vertritt ein Sendungsbewusstsein, das aus religiösen und säkularen Komponenten besteht, das heißt, sie vollzieht, hegelianisch gesprochen, den Willen des Weltgeistes und fördert, so meint sie, den Fortschritt. Es entsteht eine missionarische Ideologie der Legitimität, die Bewusstseinsstrukturen prägt und durch Erziehung und Propaganda Herrschaftsformen auch dann noch bewahrt, wenn sie es längst nicht mehr verdienen. Ein Reich, das durch Eroberung oder Heirat zustandegekommen ist und keine zivilisatorische Funktion erfüllt, bleibt labil.
 
Die Formen und Gründe für den Zerfall sind vielfältiger. Es gibt den Zusammenbruch unter äußerem Druck innerhalb weniger Jahre, so bei den Reichen der Achämeniden und der Sassaniden in Persien, bei Azteken und Inka nach dem Einmarsch der Spanier, beim Ende des polnisch- litauischen Großreichs und namentlich bei den im Ersten Weltkrieg unterlegenen und daraufhin zerfallenen Imperien Osteuropas. Es gibt das Auseinanderbrechen in mehrere gleichgewichtige Teile wie bei den Reichen Salomos 926 v. Chr., Alexanders 323 v. Chr. und Dschingis Khans 1227, beim Franken- und beim Kalifenreich, und es gibt die allmähliche Ablösung der Außengebiete im Verlaufe vieler Jahrzehnte, beschleunigt durch äußere Angreifer, so beim Römischen und Byzantinischen Reich, und den Zerfall durch autonome Emanzipationsbewegungen, so in den neuzeitlichen Kolonialreichen Spaniens, Englands und Russlands. Hier handelt es sich weniger um eine Katastrophe als um eine Metamorphose.
 
Wer sodann nach einem Erklärungsmuster sucht, müsste zumindest zwischen antiken und modernen Großreichen unterscheiden. Die griechischen und römischen Autoren sahen das klassische Dekadenzmodell am Werk: Einfache Lebensumstände spornen an zu hoher Leistung. Der Kampf mit der Natur befähigt zum Kampf gegen den Nachbarn. Siege bringen Macht, Macht bringt Reichtum, Reichtum jedoch bringt Luxus, und der untergräbt die Moral. So führt äußere Schwäche zu innerer Stärke, diese zu äußerer Stärke und sie endlich wieder zu äußerer Schwäche. Ein neues, sozusagen unverbrauchtes Volk übernimmt die Führung und erleidet das gleiche Geschick.
 
Nach diesem Schema hat man, nicht ganz ohne Ursache, die Folge von Weltmächten im selben geographischen Raum erklärt: so den Übergang der Macht von den Assyrern unter Assurbanipal an die Meder und Neubabylonier, danach mit der Niederlage Belsazars gegen Kyros an die Perser. Die späten Achämeniden genossen nicht mehr die harte Erziehung der frühen und unterlagen Alexander und seinen Makedonen. Als Griechen und Römer verstädtert waren, erschienen die Germanen und Slawen aus ihren Wäldern, die Araber aus ihren Wüsten, die Hunnen, Bulgaren und Türken aus ihren Steppen und dezimierten das ehemals römische Imperium im Osten auf das Umland von Byzanz. Die Byzantiner gerieten in den Schraubstock von Bulgaren im Westen und Türken im Osten, erst unter den Seldschuken, dann unter den Osmanen. Vergleichsweise barbarische, aber militärisch überlegene Völker zerschlugen hoch entwickelte Zivilisationen. Besonders krass zeigt sich dieser Vorgang bei dem Hunnenkönig Attila und dem Mongolenherrscher Dschingis Khan. Dekadenz ist die Verbindung eines verfeinerten Lebensstils mit einer sinkenden Lebenskraft, einem Zuviel an Subtilität mit einem Zuwenig an Vitalität. Ohne derartigen Außendruck kann auch eine hoch differenzierte Kultur beliebig lange fortbestehen, darum ist für den Zerfall der frühen Großreiche stets eine äußere Ursache entscheidend.
 
Anders die neuzeitlichen Kolonialreiche. Zwar sind auch sie an denselben Faktoren gescheitert, die sie geschaffen und getragen haben, doch waren das andere als in der Frühzeit. Die Kolonialherren verfügten über Schießpulver, Hochseeflotten und Reiterei, die Kolonialvölker dagegen bestanden großenteils aus Analphabeten. Befanden sich in der Antike Herrschende und Abhängige militärisch und technisch mehr oder minder auf demselben Niveau, so liegt in der Neuzeit zwischen beiden ein Qualitätssprung. Die Erfolge der Spanier und Engländer in Übersee, der Österreicher und Russen in Eurasien beruhten auf ihrem Modernisierungspotenzial. Straßen-, Brücken- und Eisenbahnbau, Anlage von Plantagen, Bergwerken und Fabriken brachten anfangs enorme Gewinne, doch wuchsen die Investitionskosten, sodass die Mutterländer ihrerseits das ökonomische Interesse an der Herrschaft verloren.
 
Dazu trat ein ideelles Moment. Die Überlegenheit der Kolonisatoren beschränkte sich nicht auf wirtschaftliche und technische Kenntnisse. Die europäische Ideologie umfasst seit der Französischen Revolution auch politische und moralische Prinzipien, die den Mitmenschen als autonomes Subjekt zu respektieren verlangen und Völker zur politischen Selbstbestimmung aufrufen. Die durch die Kolonialherrschaft geförderte Entwicklung schließt darum die zur Eigenstaatlichkeit ein. Spätestens wenn die Abhängigen so zu denken gelernt haben wie die Herrschenden, fordern sie auch die Selbstständigkeit, und zwar noch ehe das zivilisatorische Niveau angeglichen ist. Darum liegt die Auflösung der fremdbestimmten Vielvölkerstaaten wo nicht im Programm, so doch in der Logik der durch den Kolonialismus geförderten Entwicklung. Der Zerfall der Großreiche in Volksstaaten in der Neuzeit ist insofern wesentlich innenbedingt. Von außen kommen lediglich die Ideale und die Instrumente der Selbstbefreiung.
 
Soweit das Scheitern der Großreiche erklärbar ist, soweit war es voraussehbar. Und soweit es Opfer gefordert hat, heischt es politische Kritik. Sie richtet sich einerseits gegen die gewaltsame Entstehung durch Eroberung, andererseits gegen die ungeliebte Fremdherrschaft eines Volkes über andere Völker. Beide Einwände bedürfen indessen eines Kommentars. Die Maßstäbe des Historikers sind selbst Ergebnisse von Geschichte, und wo dies missachtet wird, ist das Urteil anfechtbar.
 
Die uns selbstverständliche Vorstellung, dass kriegerische Gewalt Unrecht sei, war nicht immer und überall die herrschende Auffassung. In der Bibel tritt uns beispielsweise die altorientalische Ansicht vom Heiligen Krieg entgegen, indem Gott »Seinem Volk« die Eroberung des »Gelobten Landes« verheißt und »Seine Herrlichkeit« nicht zuletzt in kriegerischen Ereignissen offenbart. Er ist es, »der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt« (Psalm 46). Bei Griechen und Germanen finden wir eine Bewunderung des Heldentums, das sich im Wettstreit mit der Waffe entfaltet und eng mit dem Freiheitsideal verbunden ist. In der Neuzeit schließlich betrachtete ein darwinistisches Geschichtsverständnis den Kampf ums Dasein als ein Naturgesetz, das dem survival of the fittest (Überleben der Stärkeren) dient und einer ethischen Begründung weder fähig noch bedürftig ist — Schönredner nennen das »Realpolitik« und berufen sich auf Machiavelli. Die Rechtfertigung des Krieges aus religiösen, biologischen und heroisch-pädagogischen Gründen begegnet uns über die Zeit Thomas Manns (Betrachtungen eines Unpolitischen, 1918) hinaus.
 
Dem steht eine moralisch-juristische Lehre gegenüber, die Theorie vom bellum iustum. Sie ist von den Römern systematisiert worden. Krieg ist nur gerecht als Antwort auf erlittenes Unrecht, zur eigenen Verteidigung und zum Schutz von Bundesgenossen. Die Charta der Vereinten Nationen (2,4) bestimmt ziemlich das Gleiche. Im christlichen Mittelalter galt allerdings auch der Kampf gegen »Ungläubige« als gerecht. Sofern es sich zudem um heidnische »Naturvölker« handelte, genügte das Hissen einer Flagge, um einen Anspruch auf ein Land zu begründen. Das Völkerrecht des Kolonialismus behandelte die »Wilden« nicht als gleichrangige Rechtssubjekte. Vielfach kam es zu Protektorats-»Verträgen«, zu denen sich ein Häuptling, bedroht von Feuerwaffen oder verführt von Geschenken, bewegen ließ, manchmal bloß dem Imponiergehabe der Europäer sich beugend, während sein Volk schlicht übergangen wurde. Eine Absage gegenüber diesem Verfahren ist unabweisbar.
 
 Volk und Staat
 
Schwieriger ist die Frage zu beantworten, was geschehen soll, wenn eine nach modernen Begriffen unrechtmäßige Okkupation lange zurückliegt und nun in einer Rückbesinnung von einer ethnischen Minderheit oder gar nur einem Teil von ihr die Eigenstaatlichkeit gefordert wird. Im Falle von Armeniern, Kurden und Basken steht Recht gegen Recht, beide Seiten können historisch argumentieren. Gewiss ist mit der Preisgabe der politischen Selbstbestimmung vielfach die der ethnischen Eigenart verbunden, doch wird dies unter Umständen in Kauf genommen um der Vorteile im größeren Verband willen. Hier geht Integration vor Identität, und das ist ein sehr häufiger Vorgang beim Entstehen von Völkern.
 
Die Kritik an der Herrschaft eines Volkes über andere geht aus von der vorgegebenen Existenz von Völkern und dem naturrechtlichen Axiom des Nationalstaates. Völker sind zumeist älter als Staaten, aber ebensowenig wie diese naturgegeben, auch Stämme sind es nicht, uneingeschränkt nicht einmal Familien. Der qualitative Sprung zwischen natürlicher und künstlicher Lebensgemeinschaft liegt nicht zwischen Nationalstaat und Weltreich, sondern sehr viel tiefer. Der Mensch ist zwar ein »von Natur Staaten bildendes Wesen«, wie Aristoteles (Politik 1253 a 4) bemerkte, aber die Frage der Staatsform ist allemal politisch.
 
Die Vorstellung, dass Völker »natürlich«, Reiche hingegen »künstlich« seien, entstammt der Romantik und ist falsch. Sowohl Völker als auch Reiche sind historische Konglomerate, unter bestimmten Bedingungen zu bestimmten Zeiten in bestimmten Räumen entstanden, von unterschiedlicher Dauer, aber in keinem Falle »ewig«. Insofern sind auch Völker »künstlich«. Sie beruhen auf gleicher Sprache, gleichen Sitten und gleichem Siedlungsraum, aber nur teilweise auf gleicher Abstammung — und diese verbürgt die Natürlichkeit auch nur bis zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit der Heranwachsenden. Danach beruhen deren Aufenthaltsort und Gruppenzugehörigkeit auf einem individuellen Entschluss.
 
An zahlreichen Beispielen lässt sich zeigen, wie sesshafte Stämme und wandernde Gruppen zu Völkern zusammenwachsen, indem sie sich einer gemeinsamen Lebensordnung fügen, die wir im weiteren Sinne des Wortes als Staat ansprechen dürfen. Staatenbildung beruht auf dem Willen, gemeinsame Aufgaben gemeinsam zu lösen. Vielfach erwächst aus der Staatszugehörigkeit erst die Volkszugehörigkeit. Das französische Volk entstand nach der Eroberung Galliens erst durch Caesar, dann durch Chlodwig; das englische durch die Landnahme erst der Angelsachsen, dann der Normannen; das spanische durch die Einwanderung von Kelten, Phönikern, Römern, Goten und Arabern. Wie Staaten Völker schaffen, zeigt uns zuletzt die Geschichte der Staatsvölker in Amerika und Afrika.
 
Fraglos lässt sich die Staatsbürgerschaft leichter wechseln als das Volkstum, aber grundsätzlich ist dieses nicht unverlierbar. Gewöhnlich werden wir in ein Volk hineingeboren und in ihm sozialisiert. Wir identifizieren uns mit ihm eher als mit einem Staat oder einer Staatsform. Das Umgekehrte exemplifizieren Asylanten und Emigranten, die ihr Volkstum aufs Spiel setzen um einer Staatsform willen, der man entkommen oder in der man leben will. Dass wir einem Staat freiwillig, einem Volk aber unfreiwillig angehören, weil wir hineingeboren wurden, ist eine unzutreffende Zuspitzung. Auch in den Staat, in dem wir leben, sind wir der Mehrzahl nach hineingeboren worden. Der Unterschied ist nur graduell, nicht prinzipiell.
 
Wenn wir zur Definition des Staates außer dem Begriff »Land« die Begriffe »Volk« und »Herrschaft« voraussetzen, vergessen wir allzuleicht, dass hier kein historisch-chronologisches Bedingungsverhältnis vorliegt. »Staat« bezeichnet lediglich eine intensivere Form des Zusammenlebens, als sie einem Volk zugrunde liegt. Dass auch »Volk« durch gemeinsames Handeln entsteht, zeigt die Wortgeschichte, die in vielen Sprachen die Äquivalente für »Volk« aus dem Militärischen herleitet. Deutsch »Volk«, lateinisch populus, griechisch laos, keltisch dam, persisch kara heißt zugleich jeweils »Heer«. Zwar ist ein Heer keine ethnische Einheit, doch gibt es keine Form des gemeinsamen Handelns, die so ethnogenetisch wirksam ist wie das gemeinsame Kämpfen. Die alten Israeliten konstituierten sich im Kampf gegen die Philister, die antiken Griechen durch die Teilnahme am Trojanischen Krieg, der deutsche Patriotismus entstand in der Abwehr Napoleons, der neugriechische im Kampf gegen die Türkei.
 
Die Angehörigen eines Staates bilden in jedem Falle eine politische Gruppierung. Hier kann man eintreten und austreten, aufgenommen und ausgeschlossen werden. Das antike Athen geizte mit der Einbürgerung Fremder und blieb immer ein Stadtstaat, Rom hingegen war großzügig mit der Vergabe des Bürgerrechts an Ausländer und wurde ein Weltreich. Das »römische Volk« war eine Rechtskörperschaft aus Angehörigen unterschiedlicher Nationen: Civis Romanus konnte auch ein hellenisierter Jude aus Kleinasien sein, wie der Apostel Paulus. Ob er, wie das Gesetz vorschrieb, Latein konnte, wissen wir nicht. Der populus Romanus ist in einem imperialistischen Expansionsprozess entstanden wie das türkische, das russische und vor allem das chinesische Volk. Die Sinisierung Chinas ist, um 2000 v. Chr. vom Hwangho-Bogen ausgehend, längst so weit fortgeschritten, dass China, von Randgebieten wie Tibet abgesehen, nicht als Vielvölkerstaat erscheint, während die Völker Indiens mit Ausnahme von Kaschmir nicht hinreichend politisiert sind, um die nach der Trennung von Pakistan und Bengalen verbliebene, durch das britische Kolonialimperium gestiftete Staatseinheit zu sprengen. Von den Völkern des russischen Reiches wissen einige bis heute nicht, ob sie eigentlich ein eigenes Volk seien — so die Liven und die Weißrussen. Die ein Volk verbindende Kultur besteht aus stärker oder schwächer ausgebildeten Komponenten, die keinesfalls immer komplett vorliegen müssen. Es kann primär die Sprache (so bei den Deutschen), die Religion (so bei den Juden), die Schrift (so bei den Chinesen) oder das Recht (so bei den Römern) sein — gleichgültig ob durch Zustimmung oder Gewalt vermittelt.
 
Betrachten wir die volksbildenden Elemente im Einzelnen, so zeigt sich bei vielen, dass sie aus der Hinterlassenschaft zerfallener Großreiche stammen. Sie haben die Grundlagen für die Folgezeit bis in die Gegenwart gelegt. David und Salomo stehen am Anfang der jüdischen Geschichte, Caesar und Augustus am Beginn der romanischen Völker. Die drei wichtigsten antiken Erbstücke — die lateinische Sprache, die christliche Religion und das römische Recht — sind aus dem werdenden Europa nicht hinwegzudenken. Ebenso handgreiflich sind die Nachwirkungen der arabisch-türkischen Reichsbildungen, der ostasiatischen Großraumordnungen und der europäischen Kolonialmächte. Wenn wir die Macht als Vehikel der Kultur begreifen, dann verliert der Zerfall der Universalstaaten viel von seinem melancholischen Charakter; dann können wir die im Doppelsinn zu verstehende »Aufgabe« der Großmächte bejahen.
 
 Die Weltgesellschaft
 
Das politische Scheitern der Großreiche ist darüber hinaus kein Indiz dafür, dass die Zukunft den Nationalstaaten gehört. Auf dem Boden des Osmanischen Reiches, der Donaumonarchie und der Sowjetunion finden die Kleinvölker bis heute keinen Frieden. Sie beweisen, dass ein Bedürfnis nach ethnischer Identität, nach Wir-Gefühl — und das heißt: nach Abgrenzung — unausrottbar ist, sodass ihm in irgendeiner Form politisch und kulturell Rechnung getragen werden muss. Das Eigenleben von Regionen und Gruppen erfordert zunehmend Spielraum innerhalb der bestehenden Staaten.
 
Dennoch handelt es sich dabei nicht um eine Alternative zum Kosmopolitismus, sondern um ein Kompensat. Nach Nestwärme verlangt, wer noch nicht flügge ist — und das ist eine Frage der Zeit. Die Nationen werden bestehen bleiben, aber nicht so, wie die Fundamentalisten das wünschen, denn der Volksstaat ist mit dem Völkerkrieg verbunden. Der Staats- und Völkerrechtler Carl Schmitt (Der Begriff des Politischen, 1927/1932, S. 33) sah das Wesen des Staates im ius belli, in dem Recht und in der Macht, »von Angehörigen des eigenen Volkes Todesbereitschaft und Tötungsbereitschaft zu verlangen«, gegen welchen Staat es immer gehe. Richtig! Denn wenn er nur eine Ausnahme zuließe, wäre er unfrei und abhängig von diesem Staat. Sollen wir uns aber solche Souveränitäten zurückwünschen?
 
So wie die Großreiche immer wieder zerfallen sind, so haben sich auch Kleinstaaten immer wieder zu größeren Einheiten zusammenbinden lassen. Die Mittellinie zwischen dem Auf und Ab der Universalstaaten ergibt jedoch keine Horizontale, keinen steady state, sondern zeigt eine Tendenz hin zu umfassenden Strukturen: Die umfassendsten, die bisher verwirklicht wurden, waren das kommunistische und das liberale Weltsystem. Solange die Welt in eine russische und eine amerikanische Einflusszone geteilt war, mussten beide Großmächte Unruhen in ihrer Sphäre verhindern, um dem Gegner keine Chance zu eröffnen. Das wurde mit militärischen oder ökonomischen Maßnahmen erreicht. Seitdem die Sowjetunion zusammengebrochen ist, entfällt für die Vereinigten Staaten dieser Grund einzuschreiten, wo immer Völker aufeinander schlagen. Aus dem bipolaren System wurde ein multipolares, das zum Chaos drängt. Sobald die internationale Anarchie schmerzhaft wird, könnte sich eine neue Schutzmacht erheben, die wiederum eine Opposition provoziert, sodass abermals eine Zweisphären- welt entstünde. Geht das da capo al fine endlos weiter?
 
Ich denke nicht. Denn der Weltverkehr bereitet einen Übergang zu etwas Neuem vor. Weltreligionen, Weltsprachen und Welthandel schaffen eine Ebene der Gemeinsamkeit, entisolieren die Nischen und führen hinüber in eine ökumenische Politik, deren Interessen nicht mehr national definiert sind. Die Maxime »jedem Volk seinen Staat!« ist unausführbar angesichts der Tatsache, dass es gegenwärtig zwanzigmal so viele Völker wie Staaten gibt. Die Irredenta, die Unabhängigkeitsbewegung, die den Anschluss abgetrennter Gebiete an das Mutterland anstrebt, wächst mit dem völkischen Eigenwillen. Weitere Millionen müssten deportiert werden, um das Prinzip des Nationalstaates überall zu verwirklichen. Kann man das wollen? Die wachsende Verflechtung, der zunehmende Verkehr, der steigende Austausch an Waren, Gedanken und Menschen überlagert die Regionalismen. Der Fortschritt hat bereits eine kosmopolitische Gesellschaft geschaffen, die mehr und mehr Befugnisse übernimmt, mehr und mehr Bedürfnisse erfüllt. Deren oberstes ist der Frieden. Die Kriegsgeschichte hat 1945 ihren Höhe- und Wendepunkt hinter sich. Nachdem der russisch-amerikanische Atomkrieg vermieden werden konnte, sind nur noch regionale Konflikte zu erwarten, die zunehmend den Charakter internationaler Polizeiaktionen annehmen.
 
Ebenso wie die von Carl Schmitt herausgestellte Wehrhoheit ist die von Aristoteles als Bedingung politischer Selbstständigkeit geforderte Autarkie längst dahin. Der Weltmarkt hat mehr zu bieten als der Basar von Marrakesch. Der sanften Gewalt des Geldes widersteht auf Dauer nichts. Die Großreiche wurden von Wirtschaftsimperien überlagert und abgelöst. Sie sind die Großmächte der Zukunft. Der Kampf geht um Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Normsysteme und wird mit Handelsboykott, Dumpingpreisen und Währungsmanipulationen ausgefochten. Diese Wirtschaftsriesen haben ihr Standbein in Nordamerika, Japan und Europa, aber ein bewegliches Spielbein. Eine Nationalisierung dieser Konflikte wird durch den Interessengegensatz von Produzenten und Konsumenten erschwert, sodass aus den ökonomischen kaum politische Gegensätze erwachsen. Weicht die Industrie in die Billiglohnländer aus, so steigert sie die Arbeitslosigkeit daheim, aber verbessert das Angebot und mindert den demographischen Druck auf die eigenen Grenzen. Der Zug der Armen in die reichen Länder könnte diese sonst zur Verzäunung ihrer Grenzen bewegen und damit die politische Regionalisierung ins postimperiale Zeitalter verlängern. Eine gleichmäßige Ver- teilung des Wohlstands ist wünschenswert, erfordert aber eine gleichmäßige Verteilung der Arbeit und eine gleichmäßige Verteilung der Vernunft.
 
Trotzdem könnten die Skeptiker gegenüber der Aussicht auf einen Weltstaat Recht behalten. Eine politische Einheit wird der Blaue Planet vermutlich nie, regionale Rivalitäten sind so unvermeidlich wie klimatische Kontraste. Dennoch werden die Zwistigkeiten eingegrenzt, Entwicklungskrisen beschränken sich auf Krisenherde. Die stattliche Zahl von Siegen des Nationalgedankens über die Universalreiche in unserem Jahrhundert berührt nicht die Universalidee als solche. Es handelt sich nur um Rückzugsgefechte gegenüber der fortschreitenden Vernetzung der Ökumene. Die seit der Romantik nostalgisch motivierte sprachliche Aufsplitterung der Welt, die Wiederbelebung der Zwergsprachen fördert die Verbreitung des Englischen — das Bedürfnis nach weltweiter Verständigung ist unabweisbar.
 
Vor zweihundert Jahren, 1795, veröffentlichte Immanuel Kant seine Schrift »Zum Ewigen Frieden«. Darin entwarf er einen universalen Staatenvertrag. Ihm geht es um das Zusammenleben der Völker auf republikanischer Basis. Ein solcher contrat mondial war undenkbar, solange einzelne Mächte sich als vom Schicksal auserkorene Schiedsrichter mit unbegrenzten Vollmachten verstanden und die Einheit des Menschengeschlechts nur in ihrem jeweiligen Universalreich verwirklichen wollten. Diese Zeit ist vorüber. Die Kolosse auf tönernen Füßen sind gefallen, vom Winde verweht wie die Spreu auf der Sommertenne. Der Stein aber, der herabgerissen ward ohne Hände und das Traumbild Nebukadnezars zermalmte, füllte die ganze Welt — Daniels Deutung versinnbildlicht den Triumph des universalen Prinzips über die partikularen Interessen.
 
Prof. Dr. Alexander Demandt
 
 
Demandt, Alexander: Antike Staatsformen. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte der Alten Welt. Berlin 1995.
 Demandt, Alexander: Der Fall Roms. Die Auflösung des römischen Reiches im Urteil der Nachwelt. München 1984.
 
The fall of great powers. Peace, stability and legitimacy, herausgegeben von Geir Lundestad. Oslo 1994.
 Huntington, Samuel P.: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen. München u. a. 41997.
 Kennedy, Paul: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000. Aus dem Englischen. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1996.
 Schmitt, Carl: Land und Meer. Eine weltgeschichtliche Betrachtung. Köln 1981.
 Snyder, Jack: Myths of empire. Domestic politics and international ambition. Ithaca, N. Y., u. a. 1991.
 Tainter, Joseph A.: The collapse of complex societies. Cambridge u. a. 1988. Nachdruck Cambridge u. a. 1992.
 
Weltreiche, herausgegeben von Hermann Schreiber u. a. 6 Bände. Braunschweig 1980-81.

Universal-Lexikon. 2012.

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